Hört auf zu jammern, liebe Journalisten!

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3. November 2014: Gerade habe ich mit dieser Rede den Bundesverbandstag des DJV #djv14 hier bei uns in Weimar eröffnet:

Deutschlands Journalisten sind Jammerweltmeister.
Nun wird es Zeit, dass Sie Experimentier-Weltmeister werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

von meinen knapp 400 Facebook-Freunden sind gut die Hälfte Journalisten. Entsprechend hoch ist die Zahl an Kommentaren zu den aktuellen Medienentwicklungen. Doch eines vermisse ich in den meisten Diskussionen: Es geht immer um die anderen und ihren Einfluss auf den Journalismus der Zukunft. Um Verlage, Sender, User, Leser, Zuschauer oder die Politik. Doch nur selten geht es darum, welchen Einfluss wir haben. Und mit „wir“ meine ich nicht uns Gewerkschafter. Mit „wir“ meine ich jeden einzelnen Journalisten in diesem Land. Welche Art von Journalismus wollen wir künftig machen? Wie wollen wir in Zukunft arbeiten und für wen? Fänden wir Antworten auf diese Fragen, würden die Schritte zu dem Journalismus, den wir uns wünschen, immer kürzer.

Ich persönlich möchte mit meinem Beruf nicht nur meine Brötchen verdienen. Hin und wieder will ich auch ein Steak essen. Aber die Zeiten, in denen mir das von anderen serviert wurden, sind vorbei. Heute muss ich mir schon selbst eins braten. Das heißt aber auch, dass ich lernen muss, wie man das macht – ohne es außen zu verbrennen und innen auszubluten, ohne es staubtrocken zu braten oder wie ein Schnitzel in Panade zu ersaufen. Übersetzt heißt das: Will ich als Journalistin, zumal als Freie, heute erfolgreich sein, muss ich wissen, wie das geht – und zwar von der Recherche bis zum Beschwerdemanagement. Ich muss meine Ziele und Zielgruppen kennen, und wissen, wo sie nach guten Geschichten suchen. Ich muss mein Handwerk beherrschen – und das der Buchhalter, Werbeverkäufer und der Kundenbetreuer. Ich muss meinen Ausspielkanälen Aufmerksamkeit widmen, um einzelne Geschichten auch sauber gesteuert an einzelne Zielgruppen ausliefern zu können. Ein gutes Steak braucht Leidenschaft, Geduld und Können. Eine gute Geschichte auch. Für ein gutes Steak zahlen die Menschen. Ich bin überzeugt: Für gute Geschichten tun sie es auch. Wir müssen sie nur endlich wieder erzählen, diese Geschichten – und selbstbewusst dazu stehen, dass Geld kostet, was wir tun, weil wir es gut tun.

„Jeder kann schreiben“. Diesen Spruch hat doch jeder von uns schon mal gehört. Stimmt sicher. Aber theoretisch kann auch jeder backen. Einen meiner Kuchen würden Sie trotzdem nur ein einziges Mal essen. Meine Backkünste sind die beste Werbung für professionelle Konditoren. Dafür kenne ich keinen einzigen Bäcker, der so schnell so gut schreibt wie ich. Und nur weil mir Spaß macht, was ich tue, ist das noch lange kein Grund, sich zu schämen, wenn ich dafür Geld nehme. Und zwar genug Geld, um davon Brötchen, Steak und den Kuchen zu bezahlen. Ich habe entschieden, für Dumpinghonorare nicht mehr zu arbeiten. Und siehe da: Ich bin immer Journalistin.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man selbst länger im Geschäft bliebe, wenn man billiger ist als alle anderen. Das einzige, was Freie damit erreichen, ist, dass ihre Kunden sie fröhlich über den Tisch ziehen. Wer sich selbst nichts wert ist, darf auch nicht erwarten, dass andere ihn wertschätzen. Wenn ihr, wenn Sie, in derselben Region und im selben Arbeitsgebiet tätig sind, reden Sie mit einander. Sprechen Sie sich ab und halten Sie sich an das, was Sie gemeinsam als absolutes Mindesthonorar definieren! Leisten Sie es sich, „Nein“ zu sagen. Nur so haben Sie die Kapazitäten und das Selbstbewusstsein, zum richtigen Auftrag „Ja“ zu sagen. Und auch dann lohnt es sich, mit einander in Kontakt zu stehen. Denn die „richtigen“ Aufträge, die großen, lukrativen, verlangen oft mehr als ihre eigene Expertise leisten kann. Bilden Sie Projektteams, arbeiten Sie zusammen statt gegeneinander. Und das gilt nicht nur für Freie. Wenn Feste und Freie mit derselben Einstellung zum Beruf, zum Handwerk und zur Berufsehre, zusammenarbeiten würden, statt gegeneinander, würden nicht nur die Blätter und Sendungen besser. Über kurz oder lang würden es auch die Arbeitsbedingungen. Lernen Sie einander kennen – und zwar gut genug, um zu verstehen, warum der jeweils andere tut, was er tut wie er es tut. Sie sind einander nicht der Feind. Diese Rolle dürfen getrost jene übernehmen, die Sie gegeneinander ausspielen und mit einem Nasenwasser abspeisen wollen.

 

Geben Sie Ihnen Kontra. Zum einen. Zum anderen aber – und das ist die viel eindringlichere Bitte – fangen Sie an zu experimentieren. Was die Verlage nicht schaffen, können wir fertigbringen. Erfinden wir den Journalismus neu, erzählen wir Geschichten, die heute wichtig sind, statt jenen, die seit 50 Jahren erzählt werden. Entwickeln wir Formate, die begeistern, statt solche, die überfrachten. Gestalten wir Geschichten intelligent statt ohne Sinn und Verstand. Und bieten wir sie dort an, wo sie auch gelesen werden. Kurz: Hören wir doch bitte auf zu jammern – und fangen wir an zu machen. Ohne uns gibt es Werbung, Marketing und Textsteinbrüche. Aber ohne uns wird es keinen Journalismus geben. Wir sind diejenigen, die Geschichten finden und erzählen. Wir sind diejenigen, die Leser begeistern oder verärgern. Und das eine ist mitunter ebenso gut wie das andere. Wir sind diejenigen, in deren Händen die Zukunft des Journalismus liegt. In der Theorie, wie die Anträge der nächsten zwei Tage zeigen. Vor allem aber in der Praxis. Wir müssen nur endlich anfangen. Und zwar jetzt.

 

Nie standen die Vorzeichen besser. Krautreporter, Wortwalz, Crowdspondent – nie gab es so viele neue, innovative Projekte wie jetzt. Und was im Großen geht, geht ganz sicher auch im Kleinen. Also nehmen wir den Schwung doch mit in die Lokalredaktionen, zu den Kundenzeitschriften, den Sendern und Portalen, für die wir arbeiten. Egal ob festangestellt oder frei – niemand von Ihnen ist Journalist geworden ohne eine gehörige Portion Idealismus und Neugier. Die müssen wir aus dem Haufen aus Überlastung, Resignation und Frust nur wieder freibuddeln. Aber das schaffen wir, so wie wir in den vergangenen Jahrzehnten so viel gemeinsam geschafft haben. Solidarität ist das Fundament, auf dem der DJV gegründet wurde. Solidarität heißt aber nicht nur, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Es kann auch heißen, sich zu vernetzen, um einander aufzubauen und zu unterstützen, wenn der Kampf um Anerkennung und Honorierung mal wieder an die Substanz geht.

 

Die erste Gelegenheit dazu bietet sich übrigens schon in ein paar Stunden. Unser bunter Abend steht unter dem Motto „Thüringen erleben.“ Das heißt zum einen, richtig gut zu essen. Übrigens: Sind Kartoffeln drin, heißt Kloß und nicht Knödel, liebe Kollegen aus dem Süden! „Thüringen erleben“ heißt aber auch, Gastfreundschaft und Fröhlichkeit, Erfindergeist und Engagement zu erleben. Ich freue mich darauf, Sie heute Abend dazu einzuladen. Tauschen Sie ab und zu den Platz und Visitenkarten. Lernen Sie kennen, wen Sie zum ersten Mal sehen, und vertiefen Sie Kontakte aus den letzten Jahren. Ab 20.30 Uhr warten vor der Halle Shuttlebusse, die Sie zum Leonardo-Hotel bringen, wo das Thüringer Buffet dann schon dampft und duftet. Und weil mir mal jemand gesagt hat, dass nichts zu mehr Tagungsdisziplin anhält als Neugier, darf ich Ihnen eine Überraschung ankündigen, die auf Ihren Plätzen warten wird, schweige mich aber über Art und Umfang weiter aus. Ich bin gespannt auf Ihre Reaktion. Natürlich sorgen wir auch dafür, dass Sie vom Hotel sicher wieder in die Stadt kommen. Die Shuttlebusse pendeln ab 22.30 Uhr.

 

Einen persönlichen Tipp habe ich noch für potenzielle Tagungspausen: Die beste „Thüringer“ bekommen Sie auf dem Markt. So ein Wunderding isst man nur vom Holzkohlegrill und nur in Thüringen. Überall sonst steht vielleicht „Thüringer“ drauf, was drin ist, will ich aber lieber nicht genau wissen. Herzlich willkommen also in dem Bundesland, in dem man am besten dichten, am schönsten komponieren, am leckersten kochen und am ausdauerndsten trinken kann. Fragen Sie den Kollegen Grebenhof! Ich freue mich, dass Sie hier sind, und ich freue mich darauf, gemeinsam mit Ihnen die Weichen zu legen für unseren Journalismus der Zukunft.

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