Blogparade: Wie träumt ihr euch die Medien der Zukunft

140102 Liv Blog

Ich stehe morgens beim Zähneputzen vor dem Spiegel und per Knopfdruck laufen auf der einen Spiegelseite meine ersten Nachrichten ein. Von den Nachrichtendienstleistern, die ich abonniert habe. Mittags am Schreibtisch lade ich meine individualisierte Zeitung aufs Tablet. Welche Inhalte ich von wem lesen will, habe ich beim Abschluss des Abos angegeben. Zusätzlich scannt mein Anbieter die deutsche Medienszene und packt mir Analysen und Meinungen dazu, die zu meinen Interessen passen und von den bereits abonnierten abweichen, also eine andere Perspektive bieten. So würde ich in Zukunft gerne Medien nutzen.

Ich will auch in zehn Jahren noch Zeitung lesen, aber damit meine ich nicht zwingend bedrucktes Papier. Papierzeitungen finde ich anstrengend. Sie sind so groß, unhandlich, dass ich sie nur ausgebreitet auf dem Fußboden lesen kann. Schon jetzt lese ich Zeitung auf dem Tablet, aber so richtig zufriedenstellend sind sie bisher nicht.

Ich träume von einer Zeitung, die drei Dinge kann: Mich gemäß meiner individuellen Interessen informieren und unterhalten,
mir zu wichtigen Themen eine breite Palette an Meinungen, Perspektiven und Einschätzungen bieten und alle Möglichkeiten ihres Trägermediums ausnutzen.

Den Versuch, eine individuelle Zeitung anzubieten, gab es schon mal. Man konnte sich die Teile einzelner Medien zusammenstellen, dazu Meldungen aus sozialen Medien. Das Ganze gab es als gedrucktes Produkt – und scheiterte schließlich an den exorbitanten Druckkosten für individualisierte Zeitungen. Die entfielen aber, wenn es als Online-Produkt angeboten wird. Meine persönlliche Zeitung hätte zum Beispiel keinen einzigen Fußballartikel und nur einen dünnen Feuilleton-Teil. Dafür hätte ich sehr viel Medienberichterstattung, Außenpolitik, das Wichtigste der Innenpolitik, auf jeden Fall Klatsch und Tratsch, ausführlich Soziales und einen ordentlichen Ratgeberteil. Wirtschaft wäre reduziert auf das Allerwesentlichste. Lokale Terminberichterstattung bräuchte ich in dieser Zeitung gar nicht. Die Informationen würde ich über Blogs und soziale Netzwerke ziehen. Lokales würde nur eine Rolle spielen, wenn politische Entscheidungen erklärt werden, indem ihre Auswirkungen aufs Lokale aufgegriffen werden.

Meine Zeitung würde weniger in die Breite informieren, dafür aber weit in die Tiefe. Sie würde mir Themenpakete anbieten, die die Berichterstattung aus verschiedenen Medien bündelt. Dabei bietet sie mir aber nicht fünf Mal die gleiche Meinung, sondern stellt extreme Standpunkte gegenüber und ordnet sie durch sachliche und hintergründige Analysen ordentlich ein. Sie ist eine Zeitung, deren wichtigstes Ziel es ist, mir eine fundierte Meinungsbildung zu ermöglichen. Dabei gibt es keine guten und schlechten Medien, auf die sie zurückgreift. Wenn es thematisch nötig ist, stehen sich Artikel der FAZ und der Bild gegenüber. Ich entscheide mich, wenn ich ein Abo abschließe, nicht mehr für ein Blatt, einen Verlag und damit eine Tendenz in der Berichterstattung, sondern für Themen. Je nachdem, wie viele Themen ich abonniere, umso teurer wird das Abo.

Dabei kann ich allerdings wählen, in welchem Rhythmus ich beliefert werden will. Jeden Tag eine Zeitung zu lesen, schaffe ich nicht. Nur am Wochenende wäre mir aber zu wenig. Also buche ich mein Abo für das Wochenende und zusätzlich für Dienstag und Donnerstag, könnte aber auch jeden anderen Tag oder eine Lieferung zweimal am Tag wählen.

So viel zum Inhalt. Genauso wichtig ist mir aber auch die Form der Präsentation. Ich habe ein Tablet und möchte es nutzen. Dabei kann ich mir als Nicht-Techniker vermutlich nicht mal bruchstückhaft vorstellen, was alles geht. Aber ich will, dass Stücke, die auf vielen Daten basieren, auch visualisiert werden in animierten Grafiken. Ich erwarte, dass nicht nur die Texte angeboten werden, sondern sie verknüpft sind mit sozialen Medien und die (sachlichen) Anmerkungen und Ergänzungen der Crowd ebenfalls in meiner Zeitung einlaufen. Über Diaschauen und Videos müssen wir glaube ich nicht mehr reden, die sind längst Standard. Aber man könnte sie vertaggen, so dass hinter einem Porträtbild die Biografie der Person hinterlegt ist oder ein Klick auf Modefotos zum Shop führt, wo man die Kleidung kaufen kann.

Ich will mich beim Zeitung lesen ein bisschen wie ein Kind fühlen: Ich liebe Überraschungen und will in jeder Ausgabe Neues entdecken – besondere Texte, besondere Gestaltung, besondere Gimmicks, besondere Effekte… Ich will eine Zeitung, ein dauerhaftes Informationsmedium, dass sich auf seine traditionellsten Aufgaben besinnt und gleichzeitig mit großen Sprünge die Zukunft ausprobiert. Ich will Journalismus, der nach den Geschichten sucht, die erzählt werden müssen, statt die zu schreiben, von denen die Marketingleute behaupten, „die Leser“ wollten sie lesen. Ich will Medien, die unabhängig, vielseitig, meinungsstark, kreativ und leidenschaftlich sind und mir als Nutzer maximale Flexibilität und Individualität bieten. Und dafür bezahle ich sehr, sehr gerne ordentliches Geld.

Und jetzt bin ich gespannt auf eure Meinung: Wie träumt ihr euch die Medien der Zukunft? Wie wollt ihr in zehn Jahren informiert werden? Wann, wo und wie wollt ihr Medien nutzen? Bitte postet den Link zu euren Beiträgen hier in den Kommentaren oder schickt mir eine Facebook-Nachricht. In vier Wochen findet ihr an dieser Stelle eine Zusammenfassung aller Beiträge zur allerersten Curcuma-Blogparade.

12 Antworten zu “Blogparade: Wie träumt ihr euch die Medien der Zukunft”

  1. Christoph v. Gallera (@mittelhesse)

    Liebe Anita,

    das ist eigentlich alles keine Zauberei und heute bereits machbar. Kollege Christian Jakubetz stellt dazu allerdings die interessante Frage, ob Lokal- und/oder Regionaljournalismus schlicht wegen der Finanzierbarkeit noch eine Zukunft hat. Dabei kommen, so Christian, weder die intensiven Rechercheure noch die Heile-Welt-Botschafter beim Konsumenten gut weg. Er spricht von der widersprüchlichen Haltung der Leser zum Lokaljournalismus (das berühmte „Dann schreiben Sie mal nen schönen Bericht“).
    Ich sehe das ähnlich. Die technische Umsetzung ist nicht die Frage – die kann höchstens durch die technischen Leitungsgegebenheiten begrenzt sein. Nicht überall ist das Leitungsnetz so gut ausgebaut, dass jeder datenintensive Inhalte hochladen und wieder aufs Tablet runterladen kann.
    Von daher widerspreche ich der Tendenz, Nachrichten mit zuviel Technik im Hintergrund zu überfrachten. Für das Mittelhessenblog, das ich verantworte, stelle ich fest, dass ich derzeit dabei bin, dieses auf ein sogenanntes Responsive-Layout umzustellen. Sprich, der Inhalt wird sich ans Ausgabegerät anpassen.
    Besten Gruß aus Mittelhessen.

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